Queere Filme Archiv Wien – das LGBT-Filmarchiv des Festivals identities im Rückblick
Das queere Filme Archiv Wien sammelt, was zwischen 1994 und 2017 auf den Leinwänden des Festivals identities lief: Spielfilme, Kurzfilme und Dokumentationen aus der queeren und lesbisch-schwulen Filmgeschichte. Über 700 Titel sind bislang im Archiv erfasst, jeder mit Originaltitel, Produktionsjahr und Spielort. Wer nach einem Überblick über das queer Film Festival Wien Filme sucht, findet hier den Einstieg – eine wachsende Auswahl einzeln aufbereiteter Archiveinträge, von der Festivalausgabe 2005 bis zur letzten Ausgabe 2017.
Der Aufbau des queeren Filme Archivs
Das Festival identities lief zwischen 1994 und 2017. Das Archiv dokumentiert zehn Ausgaben, die letzten im Zweijahresrhythmus. Aus den erhaltenen Programmunterlagen sind über 700 einzelne Filmtitel rekonstruierbar – Kategorie, Programmschiene, Spielort und Vorstellungszeit sind für den Großteil davon noch vorhanden. Als queer Filme Archiv sieht sich Wien selten so systematisch aufbereitet: Die meisten Bestände liegen verstreut in Cineasten-Kreisen oder einzelnen Festivalunterlagen, nicht in einem durchsuchbaren LGBT-Katalog. Diese Sammlung schließt die Lücke, Titel für Titel, und macht die LGBT-Filmgeschichte der Stadt zugänglich, ohne sie auf eine Handvoll bekannter Namen zu verkürzen.
Nicht jeder der über 700 Titel hat bereits einen eigenen, ausführlichen Archiveintrag – das wächst laufend weiter. Die neunzehn unten verlinkten Filme sind die bislang am detailliertesten aufbereiteten Einträge und stehen exemplarisch für die Bandbreite des Programms: mehrere US-amerikanische Sundance- und Independent-Spirit-Preisträger, ein österreichisches Fernsehporträt aus den 1970ern, ein französischer Berlinale-Preisträger, ein dänisches Coming-of-Age-Drama, Dokumentarfilme aus Deutschland und der Schweiz, Kurzfilme aus den USA, Deutschland und Schweden sowie mehrere Beiträge aus den Festivalausgaben 2015 und 2017.
Neunzehn Einträge aus dem Filmarchiv Wien
Jeder Eintrag folgt demselben Muster: Originaltitel, Regie, Produktionsland und -jahr, ein Blick auf Handlung und Figuren, sowie – wo überliefert – Kritikerstimmen und der genaue Spieltermin beim Festival.
Zwei Schülerinnen, ein Schuljahrbuch-Komitee und die ersten Verwerfungen einer neuen Liebe – ausgezeichnet mit dem Audience Award „Next“ beim Sundance Film Festival 2016.
Elizabeth T. Spiras Porträt von fünf Journalistinnen in einer Männerdomäne der 1970er, darunter die „Kronen Zeitung“-Kolumnistin Edith Klinger.
Stéphanie kehrt in ihr nordfranzösisches Elternhaus zurück und lebt dort mit zwei Männern eine fragile Dreierbeziehung – Teddy Award und Manfred Salzgeber Award, Berlinale 2004.
Ein 14-Jähriger, seine Konfirmationsvorbereitung und die Freundschaft, die zu mehr wird – Coming-of-Age im Dänemark der 1970er von Niels Arden Oplev.
Ein dokumentarisches Doppelporträt von Louis und Carsten, zwei Transmännern, die von ihrer Transition und ihrem Alltag danach erzählen.
Fünf Frauen erzählen die bis dahin ungeschriebene Geschichte lesbischer Liebe in der Schweiz – Teddy Award der Berlinale 2005, Jury- und Publikumspreis bei identities 2005.
Eine Enkelin, ihre kranke Großmutter und die Leidenschaft für Bärte und Anzüge, die nicht zur Familientradition passen will – Publikumspreis „Made in Germany“, LSF Hamburg 2010.
Eine verwitwete Mutter gleitet in den Alkohol, ihr in Berlin lebender Sohn weiß nicht, was zu tun ist – ausgezeichnet als bester Film beim Zürcher Filmpreis 2013.
Eine Langzeitstudie über Identität jenseits der medizinischen Transition, mit sieben Protagonist_innen aus der Wiener Trans*- und Queer-Community – Weltpremiere bei identities 2015.
Ein schwules Paar erzählt die Geschichte seines ungewöhnlichen ersten Zusammentreffens – ausgezeichnet mit „Best in Show“ bei Dan Savages HUMP Fest.
Mehdi Charefs Drama um einen mittellosen Einwanderer und eine alternde Transfrau am Rand von Paris – zwei César-Nominierungen 1988, gezeigt zum 30. Jubiläum des Kinostarts.
Casper Andreas' erster schwedischsprachiger Kurzfilm über einen Witwer, der den Tod seines Partners nicht loslassen kann – mehrfach preisgekrönt, u. a. beim Palm Springs Intl ShortFest.
André Téchinés Berlinale-Wettbewerbsfilm über zwei rivalisierende Schulfreunde in den Pyrenäen – Grand Jury Award beim Outfest Los Angeles 2016.
Julia Ockers dialogfreier Animationsfilm über eine Krake mit eigenwilligen Küchenplänen, gezeigt im Programm für Kinder und Erwachsene.
So Yong Kims stilles Drama über die verwischte Grenze zwischen Freundschaft und Begehren – Official Selection beim Sundance Film Festival 2016.
Andrew Ahns Debüt über einen jungen Koreaner, der in einer koreanischen Sauna in Los Angeles seine Sexualität entdeckt – John Cassavetes Award bei den Independent Spirit Awards 2017.
Sebastian Dominic Auers erotischer Kurzfilm zwischen Naturromantik und postmoderner Ästhetik – Lolly Award „Bester Deutscher Film“ beim XPOSED Festival Berlin 2016.
Zwei junge, schwarze und muslimische Straßenhändler in Brooklyn navigieren Liebe, Familie und FBI-Überwachung – IWC Filmmaker Award des Tribeca Film Institute.
Alice Wus Debüt über eine junge Chirurgin und eine Tänzerin in New Yorks chinesisch-amerikanischer Community – Official Selection beim Sundance Film Festival 2005.
Léa Pools Familiendrama aus Québec 1966: Als der Vater sich outet, verlässt die Mutter die Familie, und die Kinder erklären den Nachbarn, sie sei beim Friseur.
Zehn dokumentierte Ausgaben eines Festivals in Wien
Aus einem Praxisprojekt im Kulturmanagement-Studium entstanden, lief die erste Ausgabe 1994 unter dem Titel „trans-X. Eine filmische Identity Tour“ im Filmcasino. 1996 wurde daraus, auf Einladung des damaligen Viennale-Direktors Alexander Horwath, „identities“ als Viennale Special – inhaltlich und organisatorisch eigenständig, budgetär bis 2001 Teil der Viennale. Ab 2003 lief das Festival vollständig unabhängig, finanziert von der Wiener Kulturabteilung und vom Bund, und wuchs zum zweitgrößten internationalen Filmereignis der Stadt. 2009 markierte die eigentliche Jubiläumsausgabe – 15 Jahre Festival, 40 Jahre Stonewall –, 2013 folgte das 20-jährige Jubiläum mit dem Schwerpunkt „Out at Work“ und queerer Familie. Ab den 2010er-Jahren lief identities nur noch alle zwei Jahre.
LGBT-Kino zwischen Spielfilm und Kurzfilm
Das Programm mischte über die Jahre große internationale Spielfilme mit kleinen, oft einmalig gezeigten Kurzfilmen und Fernsehdokumentationen. First Girl I Loved lief 2017 im Hauptprogramm als Österreich-Premiere eines Sundance-prämierten US-Spielfilms; Frauen im Journalismus lief im selben Jahr als Vorfilm – ein österreichisches Fernsehporträt von 1977, das über die queere Programmschiene hinaus Relevanz für die Mediengeschichte des Landes hat; Kapgang vertrat das skandinavische Autorenkino mit einem dänischen Coming-of-Age-Stoff, Wild Side, in der Reihe „Queer Classics“ gezeigt, den mit Teddy Award und Manfred Salzgeber Award ausgezeichneten französischen Beitrag. Transfamily (2007) und Katzenball (2005) wiederum stehen für den dokumentarischen Zweig des Programms: zwei Porträts, die von echten Menschen und ihren eigenen Worten getragen werden. Genau diese Mischung aus großem Namen, kleinem Fund und internationalem Independent-Film ist es, die das Archiv über eine reine Bestenliste hinaushebt.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das queere Filme Archiv Wien?
Es ist die Sammlung aller im Programm des Festivals identities dokumentierten Filme – Spielfilme, Kurzfilme und Dokumentationen, die zwischen 1994 und 2017 in Wien gezeigt wurden. Über 700 Titel sind bislang erfasst, ein wachsender Teil davon mit eigenem, ausführlichem Eintrag.
Ist das Filmarchiv des Festivals vollständig erfasst?
Nein, aber das queere Filme Archiv Wien wächst kontinuierlich weiter. Langfristiges Ziel ist ein möglichst lückenloses queer Film Festival Wien Filme Verzeichnis, das jede einzelne gezeigte Produktion eigenständig beschreibt statt sie nur in einer Liste zu führen.
Welche Filme sind bereits einzeln im Archiv beschrieben?
Aktuell mit vollständigem Eintrag: First Girl I Loved (USA 2016), Frauen im Journalismus (Österreich 1977), Wild Side (Frankreich/Belgien/Großbritannien 2004) und Kapgang (Dänemark 2014) – alle vier liefen bei der Festivalausgabe 2017 –, dazu Transfamily (Deutschland 2005, gezeigt 2007), Katzenball (Schweiz 2005, gezeigt 2005), Mann mit Bart (Deutschland 2010, gezeigt 2011) sowie Rosie und FtWTF (beide gezeigt bei der Festivalausgabe 2015). Weitere Titel aus den über 700 erfassten Einträgen folgen laufend.
Woher stammen die Angaben zu den einzelnen Filmen?
Aus den Programmunterlagen des Festivals selbst – Regieangaben, Besetzung, Spielort und -zeit sowie, wo vorhanden, zeitgenössische Kritikerstimmen. Wo eine Angabe nicht überliefert ist, bleibt sie im Eintrag offen, statt sie zu erfinden.
Warum ist das Festival identities für die LGBT-Filmgeschichte Wiens wichtig?
Über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg war es das zentrale queere Filmfestival der Stadt und wuchs von einem Studienprojekt zum zweitgrößten internationalen Filmereignis Wiens. Kein anderes Programm der Stadt hat in diesem Zeitraum eine vergleichbar breite LGBT-Filmauswahl gezeigt.