Wien · 1993–2017

LGBT Filmfestival Wien: Die Geschichte des queeren Archivs von identities

Geschichte Queer Film Festival Wien – zehn im Archiv dokumentierte Ausgaben, 1993 bis 2017

identities zählt zu den prägendsten Kulturprojekten, die aus einem einzigen Universitätskurs in Wien hervorgingen. Wer die Geschichte Queer Film Festival Wien nachzeichnet, landet zwangsläufig bei einem Kulturmanagementkurs mit praktischem Pflichtteil: Anfang der 1990er-Jahre schlief das bis dahin einzige lesbisch-schwule Filmfest der Stadt langsam ein, während gerade das New Queer Cinema entdeckt wurde. Aus dieser Lücke entstand 1993 das von DV8-Film präsentierte LGBT Filmfestival Wien, ein Programm, das binnen weniger Jahre zum zweitgrößten internationalen Filmevent der Stadt heranwuchs.

Zehn im Archiv dokumentierte Ausgaben liegen dazwischen, von der ersten Vorführung im Filmcasino bis zur letzten Festivalwoche 2017. Dieses Archiv zeichnet den Weg in seinen wesentlichen Etappen nach: die Gründung, die Jahre als Viennale Special, die Unabhängigkeit ab 2003 und die Jubiläumsausgaben, die das Festival über zwei Jahrzehnte begleiteten.

Ein sich durch die Jahrzehnte schlängelnder Filmstreifen als Sinnbild der Festivalgeschichte
Archiv-Ansicht · Zeitlinie

Von der Idee zum LGBT Filmfestival Wien: die Gründung 1993

Der Kurs sollte Studierenden echte Kulturarbeit vermitteln, keine Simulation. Das Ergebnis wurde zur Initialzündung für das LGBT Filmfestival Wien: ein Programm, das internationales queeres Kino erstmals in großem Rahmen nach Wien holte, in allen Genres und Formaten und mit dem ausdrücklichen Anspruch professioneller Präsentation. Grundlagenarbeit war dabei nötig: die Verwechslung von „queer“ mit dem deutschen „quer“ sorgte anfangs für einige Verwirrung, und auch Jahre später blieben Unsicherheiten in Schreibung und Aussprache bestehen.

1994 läutete „trans-X. Eine filmische Identity Tour“ im Filmcasino die neue Festivalära ein. Der unmittelbare Erfolg unterstrich, wie sehr eine Kulturstadt wie Wien ein solches Angebot gebraucht hatte: internationales queeres Kino, vielfältig in Genre und Format, fand sofort Beachtung im Wiener Kulturleben. DV8-Film blieb über alle folgenden Ausgaben hinweg der präsentierende Veranstalter, vom ersten Programm 1994 bis zur letzten Ausgabe 2017.

1994 bis 2001: trans-X und die Jahre als Viennale Special

1996 erhielt das Festival, inzwischen unter dem Namen „identities“, eine neue Rolle: Der damalige Viennale-Direktor Alexander Horwath lud es ein, als VIENNALE Special stattzufinden, inhaltlich und organisatorisch eigenständig, finanziell aber Teil des Viennale-Budgets. Diese Konstellation hielt bis 2001. In diesen Jahren wuchs identities zu einem lebendigen, kräftig expandierenden Teil der Viennale heran, ohne die inhaltliche Unabhängigkeit zu verlieren.

Die Doppelrolle war ungewöhnlich: Programmauswahl und Kuratierung blieben allein bei DV8-Film, während die Viennale als eine der größten Filmveranstaltungen Wiens den organisatorischen und finanziellen Rahmen stellte. Für ein noch junges queeres Programm bedeutete das Zugang zu einem etablierten Publikum, ohne die eigene Handschrift aufzugeben.

Ab 2003 unabhängig: Geschichte Queer Film Festival Wien im Archiv

Ab 2003 war identities vollständig eigenständig: gefördert von der Kulturabteilung der Stadt Wien und vom Bund, ohne den organisatorischen Rückhalt der Viennale. Die Geschichte Queer Film Festival Wien zeigt in dieser Phase ihr stärkstes Wachstum. Das Festival entwickelte sich zum zweitgrößten internationalen Filmevent der Stadt, mit einem eigenen Archiv, das die Programme jeder folgenden Ausgabe festhält.

Auch die Ausgabe 2011 ist auf diese Weise dokumentiert: mit einer eigenen Jury (Ina Freudenschuß, Clara Luzia und Willi Landl) und einem Publikumsinteresse, das sich in wiederholt restlos ausverkauften Vorstellungen im Filmcasino zeigte. Kartenreservierungen liefen über eigene Vorverkaufsstellen, im Filmcasino ebenso wie im Top Kino, täglich mehrere Stunden am Nachmittag und Abend geöffnet.

Der Wettbewerb selbst folgte über die Ausgaben hinweg einer festen Struktur: ein Jury Preis, historisch mit 1.000 Euro dotiert, für Bester Spielfilm, Bester Dokumentarfilm und Bester Kurzfilm, und daneben ein eigener Publikumspreis in denselben drei Kategorien. Wer beide Preisreihen gewann, hatte damit sowohl die Fachjury als auch das Wiener Publikum überzeugt – wie es Katzenball bei identities 2005 gelang, mit dem Jury- und dem Publikumspreis für den besten Dokumentarfilm zugleich. Die im Detail dokumentierten Preisträger der Ausgaben 2011 und 2013 sind in den Auszeichnungen zusammengefasst.

Jubiläen 2007, 2009 und 2013

Die Festivalausgabe 2007 markierte so etwas wie ein Fast-Jubiläum: 15 Jahre New Queer Cinema und 14 Jahre Queer Film Festival in Wien. Zwei Jahre später, 2009, folgte die eigentliche Jubiläumsausgabe, mit mehr Filmen und Gästen als je zuvor und gleich zwei historischen Anlässen zugleich: 15 Jahre Festival und 40 Jahre seit den Stonewall Riots. Das Programm jenes Jahres beschrieb identities selbst als eine Mischung aus cineastischen Wiederentdeckungen, internationalen Festivalhits und Kinojahr-Versäumnissen zum Nachholen. 2013 feierte identities sein 20-jähriges Bestehen mit einem Überblick über den „state of the art of queer film“, ergänzt um queere Klassiker sowie einen thematischen Schwerpunkt auf „Out at Work“ und queere Familie, mit und ohne Kinder. Das Festival beschrieb die Stimmung dieser Jubiläumsausgabe selbst mit einem eigenen Begriff, dem „Ganslhautfeeling“ beim gemeinsamen Filmerlebnis.

Ein Detail bleibt dabei am Rand: Wie schon 1993 wurde die genaue Aussprache von „queer“ auf Wiener Kinokassen auch zwanzig Jahre später noch gelegentlich nachgefragt.

Neben der zweijährlichen Festivalausgabe lief DV8-Film auch abseits davon Programm: von November 2006 bis Jänner 2007 zeigte die monatliche Reihe „[W] is for Women“ im Top Kino jeweils einen Film mit Frauen im Zentrum der Handlung, darunter Claude Chabrols „L'ivresse du pouvoir“ mit Isabelle Huppert und Hans Christian Schmids „Requiem“ mit der später Berlinale-preisgekrönten Sandra Hüller.

2015 und 2017: Der Rhythmus alle zwei Jahre

Nach dem Jubiläumsjahrzehnt ging identities zu einem zweijährigen Rhythmus über. Die Ausgaben 2015 und 2017 setzten das Programm fort, zuletzt im Juni 2017, der letzten Ausgabe des Festivals. Das Archiv dieser Jahre ist ebenso vollständig erschlossen wie die früheren Ausgaben, von der Gründung 1993 bis zur letzten Vorstellung 2017. In der Ankündigung zur Ausgabe 2017 bezeichnete sich identities selbst als „veritables Publikumsfestival mit allem Drum und Dran“ – eine Selbstbeschreibung aus dem Jahr der letzten Ausgabe.

Im Archiv sind zehn Ausgaben dokumentiert: 1994, 1996, 2003, 2005, 2007, 2009, 2011, 2013, 2015 und 2017. Aus den Jahren zwischen 1996 und 2003, in denen das Festival als Viennale Special lief, liegen keine Programmdaten vor. Jede dokumentierte Ausgabe ist Teil des durchsuchbaren LGBT Filmfestival Wien-Archivs, das dieses Verzeichnis heute zugänglich macht. Wer eine einzelne Ausgabe sucht, findet den Einstieg über das Filmarchiv, das die gezeigten Titel den jeweiligen Jahren zuordnet, oder über die externen Presseerwähnungen zum Festival.

Weitere Filmfestivals in Österreich

identities war nicht das einzige spezialisierte Filmfestival im Land. Die Diagonale in Graz zeigt österreichisches Filmschaffen, das Crossing Europe Film Festival Linz zeitgenössisches europäisches Kino, und das Ethnocineca in Wien widmet sich dem ethnografischen und dokumentarischen Film. Genrespezifische Formate reichen von der Alpinale für Kurzfilm über das Berg- und Abenteuerfilmfestival Graz und das Filmfest St. Anton mit Schwerpunkt Bergsport bis zum Festival „internationales Kinderfilmfestival" in Wien sowie dem Festival „Jüdisches Filmfestival Wien". In Oberösterreich findet zudem in Ebensee das Festival of Nations statt, auf Deutsch auch als Festival der Nationen bekannt.

Die Viennale, mit der identities in den 1990er-Jahren eng verbunden war: Viennale vergibt mehrere Preise, darunter den FIPRESCI Preis und den Wiener Filmpreis.

Häufig gestellte Fragen

Seit wann gibt es das LGBT Filmfestival Wien?

Die erste Ausgabe fand 1994 im Filmcasino statt, unter dem Titel „trans-X. Eine filmische Identity Tour“. Der Name „identities“ kam 1996 dazu, als das Festival als VIENNALE Special eingeladen wurde.

Wann wurde identities unabhängig von der Viennale?

Bis 2001 war identities finanziell Teil des Viennale-Budgets, inhaltlich aber eigenständig. Ab 2003 lief das Festival vollständig unabhängig, gefördert von der Kulturabteilung der Stadt Wien und vom Bund.

Welche Ausgaben waren Jubiläumsausgaben?

2007 markierte ein Fast-Jubiläum mit 15 Jahren New Queer Cinema. 2009 folgte die eigentliche Jubiläumsausgabe, mit 15 Jahren Festival und zugleich 40 Jahren seit den Stonewall Riots. 2013 feierte identities sein 20-jähriges Bestehen.

Wie oft fand das Festival zuletzt statt?

Ab den 2010er-Jahren lief identities im Zweijahresrhythmus. Die letzte Ausgabe fand 2017 statt; das Archiv dokumentiert zehn Ausgaben zwischen 1994 und 2017.

Wo ist die Geschichte des Festivals dokumentiert?

Die Geschichte Queer Film Festival Wien ist in diesem Archiv chronologisch aufgearbeitet, ergänzt um die einzelnen Filmeinträge im Filmarchiv und die externen Presseerwähnungen zum Festival.