Filmarchiv · Nr. 3078 · Spielfilm

Wild Side Film Review: Queer Festival-Klassiker aus Frankreich im großen Rückblick

Ein einzelnes Filmnegativ mit einem Lichteinfall wie an einem Horizont in der Dämmerung
Archiv-Ansicht · Nr. 3078
Regie Sébastien Lifshitz Land/Jahr Frankreich/Belgien/Großbritannien 2004 Laufzeit 94 Min. Format 35mm, Farbe Fassung OmdU

Wild Side Film Review: Worum es in Stéphanies Geschichte geht

Der Wild Side Film Review beginnt mit einer Heimkehr: Stéphanie lebt seit fünfzehn Jahren in Paris, als sie erfährt, dass ihre Mutter im Norden Frankreichs erkrankt ist. Als Teenager hieß sie noch Pierre und verließ das karge Elternhaus in Richtung Großstadt. Sébastien Lifshitz erzählt in seinem Wild Side 2004 Film von einer ungewöhnlichen Wohngemeinschaft: Stéphanie lebt mit Mikhaïl, einem russischen Ex-Soldaten, der in Tschetschenien gekämpft hat, und mit Djamel, einem jungen Nordafrikaner, der mit seiner Familie gebrochen hat, unter einem Dach – als Liebespaar zu dritt.

Die Rückkehr in die Kindheitslandschaft wird zur Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit und zum Testfall für dieses ungewöhnliche Liebestrio. Lifshitz verwebt Gegenwart und Rückblenden zu einem stimmungsvollen Porträt einer fragilen Ménage-à-trois. Jede der drei Figuren trägt einen eigenen Bruch mit der eigenen Herkunft in sich, und keine sucht in den anderen beiden eine fertige Antwort darauf. Genau darin liegt, was mehrere Kritiker später als Gegenentwurf zum klassischen Coming-Out-Film beschrieben.

Regie, Kamera und die queeren Auszeichnungen von Wild Side

Sébastien Lifshitz wurde 1968 in Neuilly-sur-Seine geboren und studierte zunächst Geschichte in Paris. Er arbeitete als Assistent der Fotografin Suzanne Lafont und der Regisseurin Claire Denis, über die er 1996 den Dokumentarfilm Claire Denis la Vagabonde drehte. Für seinen ersten mittellangen Spielfilm Les Corps ouverts (1997) erhielt er den renommierten Prix Jean Vigo. Es folgten der TV-Film Les Terres froides (1999), sein Langfilmdebüt Presque rien (2000) und La Traversée (2002), das in Cannes im Rahmen der Quinzaine des Réalisateurs gezeigt wurde. Wild Side ist Lifshitz' dritter Spielfilm.

Buch: Sébastien Lifshitz, Stéphane Bouquet. Kamera: Agnès Godard. Schnitt: Stéphanie Mahet. Ton: Yolande Decarsin. Musik: Jocelyn Pook. Szenenbild: Roseanna Sacco-Colas.

Stéphanie Michelini·Edouard Nikitine· Yasmine Belmadi·Josiane Stoléru

Für Wild Side erhielt Lifshitz bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin 2004 gleich zwei Auszeichnungen: den LVT Manfred Salzgeber Award „Bester Spielfilm“ und den Teddy Award „Bester Spielfilm“. Es folgten Best New Director beim Seattle International Film Festival 2004 und der Grand Jury Award beim Outfest Los Angeles LGBTI Film Festival 2004 – vier Preise von einigen der wichtigsten queeren Filmfestivals der Welt für einen einzigen Film. Wild Side gilt bis heute als Meilenstein des queeren französischen Kinos und hat auch zwei Jahrzehnte nach der Premiere nichts von seiner poetischen Kraft verloren.

Kritiker-Reviews zu Wild Side

Die internationalen Kritiker-Reviews zum Wild Side Film waren überwiegend enthusiastisch:

„Ein humanistisches Meisterwerk!“

New Internationalist

„Lifshitz' Utopie von einer Allianz der Außenseiter_innen steht in ihrer Kühnheit dem Kino Fassbinders in nichts nach.“

The Village Voice

„Wild Side erzählt eine schöne und berührende Liebesgeschichte, eingebettet in eine Stimmung der Einsamkeit und Melancholie. Es ist die Liebesgeschichte dreier ‚Antiheld_innen', die eine ungewöhnliche, zerbrechliche Familie bilden.“

Studio Magazine

„Die Bilder von Agnès Godard, der langjährigen Kamerafrau von Claire Denis, erzielen eine atemberaubende Mischung aus Sinnlichkeit, formaler Eleganz und surrealem Detail. Egal ob die Kamera über die Körper der Figuren führt, über die Architektur von Paris oder die Felder Nordfrankreichs – der Film gibt immer das Gefühl, die Welt in jenem Moment neu zu entdecken. Eine Welt, die erfüllt ist von Geheimnissen und Gewalt, aber auch von bestechender Schönheit.“

The New York Times

„Wild Side verläuft […] entgegengesetzt zur Bewegung des herkömmlichen Coming-Out-Films. Nicht die Konstruktion einer Identität wird hier verhandelt, als Gegenentwurf zu Werten und Normen der Herkunft. Eher geht es darum, in der Rückkehr den eigenen Status zu überprüfen, mit einer versöhnlichen Geste den Ort des Aufwachsens für sich wiederzugewinnen und so mit ihm abzuschließen.“

Dominik Kamalzadeh, Der Standard

Wild Side beim Festival identities 2017

In Wien lief der Wild Side Film im Programm der Reihe „Queer Classics“ bei identities 2017: am 15. Juni um 20:00 Uhr im Metro Kino Historischer Saal, in der Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Das Festival positionierte den Wild Side 2004 Film damit bewusst als Klassiker der jüngeren queeren Filmgeschichte – ein Werk, das gut ein Jahrzehnt nach seiner Uraufführung noch immer aktuell wirkte.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es im Wild Side Film?

Stéphanie kehrt nach fünfzehn Jahren in Paris in ihr karges Elternhaus in Nordfrankreich zurück, weil ihre Mutter krank ist. Dort lebt sie mit Mikhaïl, einem russischen Ex-Soldaten, und Djamel, einem jungen Nordafrikaner, in einer ungewöhnlichen Dreierbeziehung, während Gegenwart und Rückblenden zu ihrer Kindheit als Pierre ineinanderfließen.

Welche Auszeichnungen gewann der Wild Side 2004 Film?

Bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin 2004 gewann er den LVT Manfred Salzgeber Award und den Teddy Award, jeweils „Bester Spielfilm“. Dazu kamen Best New Director beim Seattle International Film Festival 2004 und der Grand Jury Award beim Outfest Los Angeles LGBTI Film Festival 2004.

Wer führte bei Wild Side Regie?

Sébastien Lifshitz, geboren 1968 in Neuilly-sur-Seine. Wild Side war sein dritter Spielfilm, nach Les Corps ouverts (1997, Prix Jean Vigo) und Presque rien (2000). Die Kamera führte Agnès Godard, langjährige Kamerafrau von Claire Denis.

Wann und wo lief Wild Side beim Festival identities?

Am 15. Juni 2017 um 20:00 Uhr im Metro Kino Historischer Saal, im Programm der Reihe „Queer Classics“.

Was schrieben internationale Kritiker über Wild Side?

New Internationalist, The Village Voice, Studio Magazine, The New York Times und Dominik Kamalzadeh (Der Standard) lobten den Film übereinstimmend – zuletzt Kamalzadeh dafür, wie er sich der üblichen Coming-Out-Erzählung verweigert und stattdessen die Rückkehr zur eigenen Herkunft in den Mittelpunkt stellt.